Smart HomeSo wohnen wir morgen – Ein Artikel der Süddeutschen Zeitung von Jan Schwenkenbecher

Ein Spiegel, in dem man Kleidung aus dem Internet virtuell anprobieren kann, bevor man sie kauft. Ein Laufband, das langsamer wird, wenn der eigene Puls zu hoch ist. Und eine Tür, die spricht. Anhand zahlreicher Beispiele malt sich der Kabarettist und Autor Marc Uwe Kling in seinem satirischen Bestseller „Qualityland“ das Leben in der Zukunft aus. Ein Jahr, in dem die Handlung spielt, nennt er zwar nicht. Doch in Bielefeld gibt es ein paar Forscher, die würden wohl sagen: 2024.

Ein Team des Citec-Exzellenzclusters der Universität hat hier nämlich ein Apartment mit moderner Technik aufgerüstet. Und zwar so, wie sie sich das typische Smart Home im Jahr 2024 vorstellen – mitsamt intelligenter Tür, smartem Spiegel und bevormundendem Fitnessgerät. „Kognihome“ haben sie die Wohnung getauft. Und sie an einem Ort gebaut, wo Modernes noch moderner wirkt, weil die Umgebung eher an Vergänglichkeit erinnert. Nicht nur, weil das Apartment der Zukunft in Bielefeld steht. Auch, weil es im von Pflegeheimen und Kliniken durchsetzten Stadtteil Bethel liegt, direkt an der Kreuzung einer vier- und einer sechsspurigen Straße. Und weil es sich in einem dreistöckigen Nachkriegsbau aus Waschbeton befindet, dahinter ein Friedhof. Im Erdgeschoss ein Dönerladen. Es gibt also ansehnlichere Ecken.

Neben dem Imbiss wartet Thorsten Jungeblut fröhlich lächelnd hinter der gläsernen Eingangstür des Waschbetonblocks. Der 39-jährige Projektkoordinator – kurze Haare, Brille, Anzug, alles in Schwarz – führt Besucher durch die Wohnung und präsentiert die Zukunft. Einerseits ist er so sehr Profi, dass er am Ende von langen Schachtelsätzen immer noch die richtige Verbform findet. Andererseits aber auch so sehr Technik-Fan, dass die Kontrolle der Mimik gelegentlich vor der eigenen Begeisterung kapituliert. Zum Beispiel dann, wenn er begeistert prophezeit, dass der kleine Stahlhocker „mobilo“, der ähnlich wie ein Staubsauger-Roboter automatisch Wasserkisten von der Eingangstür in die Küche fährt, ja eigentlich auch bei einem Candle-Light-Dinner das Menü servieren könnte. Nun ja.

Im obersten Stockwerk lässt sich unschwer erahnen, welche Tür ins Kognihome führt: die mit dem Bildschirm. Jungeblut tritt davor, die Tür scannt seine Smartwatch und öffnet sich selbst. „Willkommen“, wünscht der Bildschirm, und der Rundgang durch die Wohnung der Zukunft beginnt.

Drinnen bietet sich ein überraschender Anblick. Statt einer großen Roboter-Überraschungsparty oder der Kommandobrücke aus dem Raumschiff Enterprise sieht man: eine ganz gewöhnliche Wohnung. 70 Quadratmeter, Eichenparkett, eine L-förmige Wohnküche, dazu Schlaf- und Badezimmer. Keine Elektronik-Kästen, die an den weißen Wänden hängen, keine Kabel, die an der weißen Decke verlaufen. Nichts surrt, blinkt oder piept. Zehn Rechner sind in der Wohnung verbaut, irgendwo, man sieht sie nicht.

Natürlich weiß der intelligente Herd genau, wie man Crème brûlée kocht

Dass dennoch alles mit allem vernetzt ist, zeigt einem Cora. Sie ist die „virtuelle Dialogassistentin“, überall in der Wohnung kann man mit ihr reden. Ihre Stimme ist ebenso abgehackt wie die eines Auto-Navis. Und das ist sie im Prinzip ja auch, ein Navi. Nur halt nicht für den Straßenverkehr, sondern fürs Leben. Cora erinnert an Termine, liest Zeitungsartikel vor und weiß, was am Abend im Kino läuft. Sie funktioniert wie Alexa, Siri oder Cortana, die Stimmen von Amazon, Apple und Microsoft. Cora hat immerhin den Vorteil, dass die Daten, die sie über die Bewohner sammelt, nur lokal gespeichert werden und die Wohnung nicht verlassen. Deswegen lernt sie aber auch langsamer als die Konkurrenzprodukte der Marktführer, die auf den weltweiten Datenfundus aller Nutzer zurückgreifen.

Jungeblut passiert den Spiegel. Der ist gleichzeitig auch ein Bildschirm und kann über eine angeschlossene Kamera ein Video aufnehmen, auf dem man sich dann von hinten anschauen kann. Oder man kann sich die eigene Kleidung live in anderen Farben anzeigen lassen. Oder man könnte, sollten Online-Shops mal 3D-Scans ihrer Shirts und Hosen bereitstellen, diese virtuell anprobieren, bevor man sie kauft. Der multifunktionale Spiegel kann sogar die Farbwerte umrechnen, um eine Rot-Grün-Schwäche zu korrigieren.

Weiter zur Küche: Hier funken irgendwelche hinter den weißen Möbeln verbauten Geräte ein paar Strahlen, Jungebluts Smartwatch strahlt zurück, und als Arbeitsfläche, Herd, Waschbecken und alle Unterschränke 30 Zentimeter emporfahren, um sich an seine Körpergröße anzupassen, da strahlt auch der Projektkoordinator. Man muss schon etwas Geduld haben, wenn man sich in dieser optimierten Wohnung bewegt. Die hochfahrende Küchenzeile, die aufgehende Haustür, die selbstöffnenden Schubladen: Alles dauert ein paar Sekunden und damit ein paar Sekunden länger als der geübte Handgriff – eine Digitalisierung, welche die Welt zur Abwechslung mal entschleunigt. Das Budget des Projekts beträgt 11,3 Millionen Euro. Doch in ein paar Jahren, das sagt Jungeblut, werde jeder Hersteller intelligente Geräte wie die hier verbauten in seinem High-End-Segment haben.

Ein Tablet zeigt den Speiseplan an, und darauf steht Crème brûlée. Auftritt: der „Rezeptspurhalteassistent“. Der weiß, was der Kochwillige wann braucht, und das ist erst mal ein Topf. Auch zeigt er an, wo dieser zu finden ist: Auf dem vom Tablet präsentierten digitalen Abbild der Küche blinkt eine Schublade. Hat man den Topf, blinkt die Waage. 450 Milliliter Milch und Sahne später zeigt ein Lichtstrahl den Weg zur Kochplatte vorne rechts, die eigenständig auf 80 Grad erhitzt, sobald der Topf auf ihr steht. Zieht man den Topf auf eine andere Platte, geht die alte aus und die neue an. Dann sind die Eier dran, auch hier hilft die Küche. Ein Bildschirm unter der Glasschüssel gibt die optimale Rührbewegung für den Schneebesen vor. Zuletzt kommt alles in den Dampfgarer, der natürlich selbst weiß, wie heiß er sein sollte und die Temperatur auch schon mal vorbereitet hat.

Wer braucht das alles?

Schon irgendwie witzig das alles, denkt man sich. Am Ende ließe sich die Kochhilfe noch durch ein Sprachpaket ergänzen. Vielleicht gäbe es eine Steffen-Henssler-Version, die regelmäßig darauf hinweist, dass der Fernsehkoch („Schlag den Henssler“) das aber besser könne. Oder das Tim-Mälzer-Paket, das einen beleidigt, bei Fehlern, oder auch einfach nur so. Gleichzeitig kommt die Frage auf, wer das alles überhaupt braucht? Werden wir in wenigen Jahren, wenn die digitale Demenz weiter zunimmt, alle so vergesslich sein, dass wir nicht mal mehr wissen, wo die Töpfe sind? Ist dem Durchschnittsmenschen nicht mehr zuzutrauen, dass er Eier verquirlen oder den Ofen vorheizen kann?

Überhaupt sind viele Funktionen im Kognihome der eigenen Vergesslichkeit geschuldet. Die Tür erinnert, welches Wetter draußen ist, wann die nächste Bahn fährt und ob der Ofen aus ist. Die Garderobe erinnert daran, noch eine Weste überzuziehen – ist kalt draußen. Und der Fitnesssessel erinnert an die richtige Körperhaltung

Thorsten Jungeblut kennt natürlich die Kritik am volldigitalisierten Zuhause und versucht sie zu entkräften: „Nicht alles, was wir verbaut haben, braucht der Mensch.“ Dem einen gefalle dieses, dem nächsten jenes. „Das sind ganz individuelle Assistenzlösungen. Die Vision ist, dass einen das Kognihome von klein auf bis ins hohe Alter begleitet und so lange von uns lernt.“ Um das bildlich zu machen, hat das Team die fiktive Familie Becker entworfen, Vater, Mutter, drei Kinder, Großeltern. Ihnen allen erleichtert das Kognihome im elfminütigen Werbevideo das Leben. Doch wie realistisch ist das?

Vielleicht ist die Wohnung ja am ehesten für den 78-Jährigen gedacht

Nach und nach reift, während man so durch die Wohnung der Zukunft schlendert, ein Gedanke: Vielleicht gibt es ja eine der drei Becker-Generationen, der die „Assistenzlösungen“ wirklich helfen. Für die sie mehr sind als digitaler Schnickschnack. Der Fitnesssessel, der das Hinsetzen erleichtert, Atmung und Puls misst und auch die Körperhaltung korrigiert, während man die leichten Kräftigungsübungen nachahmt, die eine Frau in Sportklamotten auf dem gekoppelten Smart-TV vormacht. Der Tablettendispenser mit Erinnerungsfunktion. Oder das in den Boden eingelassene Lichtleitsystem, das im Brandfall den nächsten Ausgang anzeigt, beim nächtlichen Gang zur Toilette aber auch an den richtigen Weg ins Bad erinnert. Vielleicht, so denkt man Feature um Feature, ist die Wohnung wohl am ehesten für den bereits 78-jährigen Großvater Heinrich Becker gedacht.

Und warum auch nicht? Wenn digitale Assistenzsysteme dazu führen, dass ältere Menschen länger fit bleiben, weniger Termine vergessen oder im Notfall schneller Hilfe erhalten, dann nimmt man eben ein paar Kameras und Mikrofone in Kauf. Doch die Gerätebauer und Softwareentwickler haben als Zielgruppe nicht nur die Senioren im Blick. Einer Studie des Verbands der Internetwirtschaft (eco) und der Beratungsgesellschaft Arthur D. Little zufolge könnte sich der Umsatz des deutschen Smart-Home-Markts bis 2022 auf 4,3 Milliarden Euro verdreifachen. Was auch erklärt, warum neben dem Bund, der acht Millionen Euro in das Bielefelder Projekt investiert, noch 14 Sponsoren beteiligt sind. Eine IT-Firma, ein Haushaltsgeräte-Hersteller, ein Zulieferer für Autotechnik, sogar eine Zeitung (deren Artikel liest Cora besonders gerne vor): Ihre Produkte stehen nun in der Wohnung der Zukunft. Bisher kann die Hälfte aller Deutschen, das ergab eine Umfrage des Branchenverbandes Bitkom, mit dem Begriff „Smart Home“ noch gar nichts anfangen. Ob in sieben Jahren tatsächlich alle so leben wie im Kognihome, das hängt davon ab, ob diese Menschen mal glauben, dass sie das alles brauchen.

Beim Hinausgehen erinnert die Tür noch mal an den Schlüssel, was an manchen Tagen ja wirklich hilfreich sein kann. Die Tür geht dann, wenn man sie nicht selbst schließt, von ganz alleine zu.